Wohnanlage Am Stein Bregenz (V)

Am Stein / Bregenz -
Schlichter Bogen am Felsen

Ein Wohnhaus in Bregenz tritt in einen Dialog mit der angrenzenden Felswand. Schlicht und unbehandelt ist seine Oberfläche gleich dem Stein im Hintergrund einem natürlichen Prozess unterworfen.

Ein dreieckiges Grundstück in Hanglage mit Nordblick über die Bodenseestadt: Im Süden begrenzt den Geländeeinschnitt eine Felswand. Sie ist namensgebend für die Straße in einer ruhigen Wohngegend - Am Stein. Laut Bebauungsplan sollte hier nicht mehr als ein Einfamilienhaus Platz finden. Architekt Bernhard Bügelmayer überzeugte jedoch mit einem größeren Volumen, das sechs geförderte Eigentumswohnungen birgt. Er erachtete es als zwingend, auf das hohe Gebäude des direkt darunterliegenden, den Ort beherrschenden Bäckereibetriebes zu reagieren. Die Gebäudeform entwickelt sich aus zwei zueinander nicht konzentrischen Kreisen, die sich von der Felswand wegwölben und hangaufwärts aufeinander zulaufen.

Durch die Biegung entstand auf der Terrasse zwischen Fels und Südwand ein geschützter Hof, den die Sonne gut erreicht. Um die Wohnungen aus dem Schatten der Wand herauszuheben und die Sicht ins Tal zu verbessern, wurde der langgestreckte Baukörper auf einen "Tisch" aus Stahlbeton aufgesetzt. Die Stützen sind statisch überdimensioniert; ihre Massivität ist optisch begründet. Die Unterzüge wurden mit Zementmörtel verputzt und setzen so die Struktur des Steines in einer Form fort. Zwischen den Rundstützen schimmert aus der Dunkelheit die Felswand mit ihrer natürlichen Vegetation hervor.

Das unbehandelte Lärchenholz der Fassade soll sich ebenso wie das umgebende Gelände naturbedingt verändern. Durch die Alterung wird sich irgendwann der rötliche Ton des frischen Holzes den gedeckteren Farben der Natur im Hintergrund anpassen.
Auch die Material- und Farbwahl der baulichen Accessoires wie Stiegen, Geländer oder Fenster ist schlicht und unspektakulär: die anthrazitfarbenen Türen und Fensterprofile, die verzinkten Metallgeländer und die unauffälligen grauen Außenjalousien haben nichts Gekünsteltes an sich.
Dem Geländeverlauf folgend ist das westliche Gebäudedrittel um ein halbes Geschoss nach oben gestaffelt. In diesem Bereich, wo der Baukörper den Hang fast tangiert, liegt der Eingang ins Stiegenhaus, von dem aus vier der sechs Wohnungen erschlossen werden. Die restlichen zwei Wohneinheiten im Osten sind nur über eine außenliegende gewendelte Stahltreppe zugänglich. Sie führt auf die hofartige Südterrasse bzw., eine Ebene höher auf einen Laubengang; zusätzlich zur Stiegenhauserschließung erhalten dadurch die zwei in der Mitte liegenden Einheiten einen zweiten Eingang.

Wie ein mysteriöses Sagentier schlängelt sich der Bau behäbig den Berg hinauf. Während sich das breite Hinterteil hangabwärts verschlossen präsentiert, greift der Gebäudekopf hangaufwärts mit eingeschnittenen Loggien in die Umgebung aus.
Die Wohnzimmer der 60 bis 70 Quadratmeter großen Einheiten sind jeweils von Norden nach Süden durchgesteckt und erhalten somit Südsonne. Die Küchen sind zum Laubengang an der sonnigen Hofseite orientiert, während die Schlafzimmer nach Norden liegen. Trotz aller Sparsamkeit und des Verzichts auf überflüssiges Beiwerk mangelt es der Wohnanlage Am Stein dennoch nicht an charmanter Sinnlichkeit und Wohnqualität. Architekt Bügelmayer hat das Volumen rücksichtsvoll in die Umgebung eingefügt und die Grundstücksfläche höchst effizient ausgenützt.


Standard 15.11.1997 von Franziska Leeb