Haus Karg Bregenz (V)
Das Haus Karg liegt am Abhang des Pfänders in Bregenz. Der Blick öffnet sich auf die Schweizer Alpen, das Binnenmeer des Bodensees und in den Bayerischen Raum. Das Tiefgeschoss entwickelt sich aus den Schichtenlinien der bestehenden Topographie und verspannt somit die auflastenden Volumen mit dem Naturraum.
_Horizontales Einfließen in die Hanglandschaft als gewähltes Gestaltungsprinzip.
Im Erdgeschoss (Eingangsebene) werden die Blickattraktionen einzelnen Bereichen des Raumplanes zugeordnet:
_Foyer und Küche dem Pfänderhang
_Esszimmer und Terrasse den schroffen, frühverschneiten Schweizer Alpen
_Wohn- und Kaminzimmer dem Bodensee und ausufernd den Bayerischen Voralpen
Im Gegensatz zur freien Raumgestaltung des Erd- und Gesellschaftgeschosses lagert der Kinder- und Wohnteil als geometrischer Kubus ohne Bindung an das Tragsystem des darunterliegenden Geschosses frei auf. Schlitzartige Ausblicke stellen den Bezug zur Umgebung her, ansonsten öffnet sich dieser Raumverband zur Dachterrasse mit Alpenblick.
Die geschlossene Gestaltung zum Zugangsbereich des Hauses, ist eine Konzession an den Auftraggeber und dessen Wunsch nach eindeutig formulierter Privatsphäre.
Weißes Haus mit Rundblick
Dem Aufspüren der Grundstücks- und Umgebungseigenheiten sowie der Erfassung des sozialen Raumes, in dem ein Objekt bestehen und aufgehen soll, räumt Architekt Bernhard Bügelmayer hohen Stellenwert ein. Auch bei einem Einfamilienhaus in Bregenz hielt er sich an diese Herangehensweise.
Von Jugend an war es ein Wunsch des Bauherrn, einem passionierten Bergsteiger, irgendwann einmal auf dem Pfänderhang zu wohnen. Vor ein paar Jahren gelang es schließlich, in einer der begehrtesten Bregenzer Wohnlagen ein entsprechendes Grundstück zu finden. Fehlte nur noch der passende Planer, um den Umzug von der Ebene auf den Berg in Erfüllung gehen zu lassen. Nach einem kleinen privaten Architektenwettbewerb ging der Auftrag an den in Dornbirn ansässigen Architekten Bernhard Bügelmayer.
Das neue Haus sollte sich gut in den Hang eingliedern, also möglichst nicht vertikal emporragen, in seiner Größenordnung moderat bleiben und im Zugangsbereich zum Schutz der Privatsphäre geschlossen gestaltet sein.
Der außergewöhnlich reizvollen Aussicht Rechnung zu tragen, verstand sich von selbst.
Bügelmayer entwirft vorrangig an Modellen, mit deren Hilfe er Stimmung und Aussage eines Gebäudes durch entsprechende Materialwahl, noch ohne große Detailgetreuheit, schon in einem sehr frühen Stadium vermitteln kann. Im vorliegenden Fall entwickelt sich aus den Schichtenlinien des Hanges das Kellergeschoss, das die Volumina der darüberliegenden Geschosse mit dem Naturraum verspannt. Mit den Jahren soll die Kellerwand von Kletterpflanzen dicht berrankt sein und einen grünen Sockel bilden, der mit dem Hang verschmilzt. Aus der Fassade auskragende Wand- und Deckenscheiben gliedern die Masse und unterbinden jede Behäbigkeit. Geländer aus verzinktem Stahl mit breiten Holmen (zum bequemen Drauflehnen!) betonen die horizontale Ausdehnung. Betreten wird das Haus von der Berg zugewandten Nordostseite. Es zeigt sich bis auf schmale horizontale Schlitze streng verschlossen und trägt so dem Bewohnerwunsch nach eindeutig formulierter Privatheit Rechnung. Nur die als Vordach auskragende Geschossdecke mit der stützenden Säule greift aus der strengen Front heraus.
Das Erdgeschoss, mit repräsentativem Wohn-Eß-Bereich und Küche als "Gesellschaftsgeschoß" auch tauglich, eine größere Anzahl an Gästen aufzunehmen, bietet durch die gekrümmte Fassade mit sprossenlosen Scheiben Ausblick auf alle umgebenden landschaftlichen Anziehungspunkte: Der Blick auf den Hang des Pfänders von Foyer und Küche aus, jener auf die Schweizer Alpen aus dem Esszimmer und von der Terrasse und schließlich der Bodenseeblick vom Wohnzimmer aus. Durch die Panoramafassade nicht nur auf eine Himmelsrichtung fixiert, erhält das im Grundriss offen konzipierte Geschoss ganztägig Sonnenlicht.
Auch von der Treppe ins Obergeschoss aus wird der Blick zum See, der sich während des Aufstiegs auftut, inszeniert. Hier ganz oben lagert - aus der gerundeten Front der unteren Geschosse zurückspringend - der Kubus mit Schlaf- und Kinderzimmer und den zugeordneten Bädern auf dem Erdgeschoss auf. Eine ausladende Terrasse, durch den "Schlaftrakt" vor den Fallwinden vom Pfänder gut geschützt, bietet wiederum Alpen- und Seeblick von höchster Ebene. Sonnenschutz gibt eine Pergola aus verzinktem Stahlblech, die, von unten betrachtet, über dem Haus zu schweben scheint.
Das Haus verstrahlt mit seinem klassischen Vokabular - weiße Wand- und Deckenscheiben, gekrümmte Talfassade, kubisches Entree - gediegene Eleganz. Nichtsdestotrotz soll es in jeder Hinsicht - wie es der Bauherr treffend formuliert hat - "ein Gebrauchsgegenstand" sein, der einer intensiven Nutzung standzuhalten hat und daher mehr sein muss als ein "Herzeigeobjekt", auf das von Menschen, die in ihm wohnen, Rücksicht genommen werden muss. Genau umgekehrt soll es sein, und das ist es hier auch.
Der Standard 3./4. Mai 1997 von Franziska Leeb